Zwei Sprachen und wo ist jetzt die Brücke?

Zwei Sprachen und wo ist jetzt die Brücke?
Manche Kooperationen scheitern immer wieder am selben Punkt, noch bevor sie begonnen haben. Oft ist das kein Kommunikationsproblem, sondern ein strukturelles Problem, wenn verschiedene Logiken aufeinander treffen. Der Sozialarbeiter, der der fragt: Wie können wir diesem Menschen einen Weg zurück ermöglichen? Die Behördenvertreterin, die fragt: Wie verhindern wir, dass dieser Mensch Schaden anrichtet?
Meistens lohnt sich auch ein Blick auf die Stuktur. Wo gehen Erwartungen und Rollen auseinander? Was sind die jeweiligen Aufträge? An welchen Stellen kann zusammengearbeitet werden und wo aber auch nicht?
Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit haben wir diese Systemlogiken in einem Vortrag zur Radikalisierungsprävention gezeigt. Soziale Arbeit arbeitet mit einer Ermöglichungslogik: Sie fragt nach Bedingungen, nach Beziehungen, nach dem, was Menschen brauchen, um sich anders zu entscheiden. Sie schafft Räume und begleitet Prozesse, die Zeit brauchen und nicht linear verlaufen. Ihre Mandate bewegen sich zwischen Individuum, Profession und Staat.
Sicherheitsbehörden arbeiten mit einer Verhinderungslogik: Sie fragen nach Risiken, nach Wahrscheinlichkeiten, nach dem, was eine Gesellschaft vor Schaden schützt. Sie treffen Entscheidungen unter Zeitdruck mit dem Mandat öffentlicher Sicherheit, das Prävention und Intervention stark macht.
Gelingende Kooperationen brauchen neben (persönlicher) Kommunikation einen Abgleich über institutionelle Aufträge. Wird das nicht benannt, drohen Kooperationen, oft scheinbar unvermittelt, zu scheitern.
Dieser Extraschritt erspart Enttäuschung und viel Zeit “für nichts” im Nachgang. Wenn Kooperationen scheitern, dann ist das ein Verlust für beide Seiten. Radikalisierungsprävention ist ein Feld, das von den verschiedenen Perspektiven profitiert: Ermöglichung und Begrenzung, Beziehung und Intervention. Meistens lohnt sich ein Blick auf die Stuktur. Wo gehen Erwartungen und Rollen auseinander? Was sind die jeweiligen Aufträge? An welchen Stellen kann zusammengearbeitet werden und wo aber auch nicht?
Das fühlt sich an wie Vokabel lernen. Kooperationen können gelingen, wenn eine Sozialarbeiterin versteht, was eine Behörde unter Gefährdungseinschätzung versteht oder umgekehrt ein Behördenmensch versteht, was Soziale Arbeit meint, wenn sie von Vertrauen als Arbeitsgrundlage spricht.
Vokabeln lernen heißt nicht, die eigene Sprache aufzugeben, aber den Wortschatz zu erweitern.
Es liegt eine Gefahr daran, sich unterschiedliche institutionelle Logiken und Erwartungen nicht zu vergegenwärtigen. Soziale Arbeit steht unter Legitimationsdruck und muss sich gegenüber Trägern, gegenüber Politik, gegenüber einer Öffentlichkeit rechtfertigen. Gerde in komplexen Handlungsfeldern ist es herausfordernd, schnelle Antworten auf große Probleme parat zu haben. Unter diesem Druck ist die Versuchung groß, sich anzupassen und die eigene Logik “um des lieben Friedens Willen” in die Sprache der Messbarkeit und der Risikominimierung zu übersetzen oder sich aus diesen strukturellen Fragen gleich ganz zurückzuziehen.
Das wäre im Angesicht multipler Krisen ein Fehler. Immerhin betreibt Soziale Arbeit schon immer Radikalisierungsprävention, auch wenn sie das nicht explizit benennt. Indem sie nah an Menschen arbeitet, Strukturen für soziale Gerechtigkeit baut und immer wieder zwischen verschiedenen Positionen abwägt und vermittelt, leistet sie einen zentralen Beitrag zur Stabilisierung einer Demokratie.
Würde sich nun grade Soziale Arbeit aus dem Diskurs um Radikalisierungsprävention raushalten, überlässt sie das Feld anderen. Im schlimmsten Fall wird sie geschluckt und ist höchstens noch Zuarbeiterin von Sicherheitslogiken, die ihre Mandate auf den Kopf stellen und weit Weg sind von einem professionellen Beitrag. Die Alternative einer Kooperation auf Augenhöhe ist anstrengend, aber lohnt sich.
Klare Positionen lassen Kooperation und Abgrenzung zu. Mit dem Wissen, wann man gemeinsam handelt und wann man sagt: bis hierher und nicht weiter.
Das ist keine einfache Aufgabe und sicherlich kennst du Situationen, in denen Kooperationen nicht halten. Es gibt verschiedene Gründe, beispielsweise wenn der Druck zu groß ist, die Ressourcen zu knapp sind oder die Erwartungen zu widersprüchlich werden, trennen sich oft Wege. Tapp hier nicht in die Falle und nimm das persönlich, sondern halte einen Moment inne und reflektiere über strukturelle Voraussetzungen. Das Benennen von Strukturen und Handlungslogiken ist der erste Schritt, um nicht nur im Einzelfall und persönlicher Sympathie zu verweilen, sondern auf Systemebene etwas zu gestalten.